Tagebau Welzow-Süd und Relikte von Brikettfabriken im Raum Senftenberg

Seit einiger Zeit bietet der Bergbautourismusverein “Stadt Welzow” e.V. Befahrungen des aktiven Braunkohle-Tagebaus Welzow-Süd an. Für einen Freund der Lausitzer Braunkohle wie mich natürlich ein Muß! Also nahmen wir am 10. Mai 2008 an einer solchen Tour teil.

Der Ausgangspunkt für die Befahrungen befindet sich in den Tagesanlagen des Tagebaus, die am besten von Haidemühl aus zu erreichen sind — oder wären, da Haidemühl für den Ortsunkundigen kaum noch aufzufinden ist. Der Abriß des Ortes schreitet sehr rasch voran, und keine Ortsschilder zeigen die Gemeinde Haidemühl mehr an …

Es geht also von den Tagesanlagen aus im Vattenfall-Mannschaftswagen zunächst zum Aussichtspunkt des Tagebaus, doch das kennen wir ja schon längst alles. Richtig interessant wird es erst, als der Mannschaftswagen auf abenteuerlich anmutendenen Fahrwegen in den Tagebau hinabschaukelt. Die zweite Station ist der Vorschnittbagger 1519, Typ SRs 6300. Dieser Schaufelradbagger bereitet die Sohle vor, an der der Arbeitsbereich des Förderbrückenverbundes beginnt.

SRs 6300 Nr. 1519

Die nächste Station ist schon der Gigant schlechthin – die Abraumförderbrücke AFB 32 mit der schlichten Typenbezeichnung F 60. Im Vergleich zu diesem Leviathan nehmen sich selbst die anderen Tagebaugroßgeräte, die nun wirklich keine geringen Dimensionen aufweisen, wie Zwerge aus. Die Abraumförderbrücke – oder besser gesagt, die drei Eimerkettenbagger, die mit ihr einen Verbund bilden – legen das Kohleflöz von dem darüber befindlichen sogenannten “Hangenden” frei und befördern dieses, zu Abraum geworden, quer über das Flöz hinweg direkt zum Kippenmassiv.

Die F 60 in voller Größe mitsamt den Baggern (vom Aussichtspunkt bei Haidemühl aus aufgenommen)

Nun ging es zur tiefsten Stelle des Tagebaus, hinunter zum Flöz, wo sich direkt unter der Abraumförderbrücke ein Blick auf einen anderen Schaufelradbagger, nämlich vom Typ SRs 1301, ergab. Dieser ist für die Kohleförderung zuständig. Von hier gelangt die gewonnene Kohle mittels Bandanlage zu den Tagesanlagen.

SRs 1301 Nr. 1530; links das Flöz

Noch ein Blick auf AFB 32 in voller Größe. Vorne eine der Antriebsstationen für die Bandanlage

Weiter ging es zu einem bereits rekultivierten Bereich des Tagebaus, in dem Experimente mit Weinanbau unternommen werden, und zuletzt zum Füllort, von wo die Kohlebahn die Rohbraunkohle zu ihrem Bestimmungsort bringt – nämlich zum Kraftwerk und der letzten aktiven Brikettfabrik Deutschlands in Schwarze Pumpe.

Lok 4-1310 bei Haidemühl

Die Schwestern der AFB 32 existieren alle noch, und zwar sind vier weitere derzeit im Einsatz: in den anderen aktiven Lausitzer Tagebauen Cottbus-Nord, Jänschwalde, Nochten und dem unlängst wieder in Betrieb genommenen Reichwalde. Die sechste wurde, wenn auch ohne Bagger, nach der vorzeitigen Stillegung des Tagebaus Klettwitz-Nord aus diesem wieder herausgefahren und zum Besucherbergwerk umgewidmet, statt gesprengt zu werden, wie es das Schicksal aller anderen stillgelegten Abraumförderbrücken war.

Am nächsten Tag unternahmen wir noch eine kleine Exkursion zu Relikten von Brikettfabriken im Raum Senftenberg. Weithin sichtbar dampften und qualmten diese gewaltigen Industrieanlagen mit großem Fleiß, manche weit über hundert Jahre lang, um aus der Braunkohle die einst begehrten Briketts zu pressen. So zahlreich die Brifas noch vor zwanzig Jahren gewesen waren, erinnert doch jetzt so gut wie nichts mehr an ihre frühere Allgegenwart. In den meisten Fällen sind von ihnen nur große, öde Brachflächen übriggeblieben.

Von der Brikettfabrik Marga in Brieske, die 1992 stillgelegt wurde, steht zugemauert noch die kathedralenartige ehemalige Turbinenhalle neben dem mit sozialistischer Friedenstaube verzierten ehemaligen Werkseingang und harrt einer ungewissen Zukunft.

Turbinenhalle der Brikettfabrik Marga

An die hundertundsechsjährige Geschichte der 1995 stillgelegten Brikettfabrik Meurostolln in Hörlitz erinnert das alte Stollenmundloch, während die riesige Fabrik selbst vollständig verschwunden ist und sich an ihrer Stelle der Busch ausbreitet, als ob sie nie dagewesen wäre …

Der Meuro-Stolln

Dieser Stollen stammt noch aus der Zeit, als die Braunkohle unter Tage gewonnen wurde. Hier verließen die Kohlehunte auf der Kettenbahn die Grube, einer nach dem anderen in endloser Reihe, und fuhren direkt in den Bunker der Brikettfabrik Meurostolln, von wo sie leer zurückkehrten und an derselben Stelle wieder in die Grube einfuhren. Nach dem Ende des Tiefbaus und dem Aufschluß des Tagebaus Meurostolln wurde die Kohle weiterhin auf diese Weise durch den Stollen gefördert, der wie ein Tunnel im Tagebau mündete. In späteren Zeiten wurde die Kohle dann auf dem Kohlebahnnetz mit 900 mm Spurweite befördert, doch auch das ist längst Vergangenheit.

Wenigstens hat man hier vor kurzem dafür Sorge getragen, daß dieses Denkmal erhalten bleibt und vor Vandalismus geschützt wird. Leider ging dabei die historische Aufschrift des Portals verloren und wurde gegen eine nicht originalgetreue Nachfertigung ersetzt. Auch wurden in der Hörlitzer Ortsmitte eine Baggerschaufel, ein Kohlehunt, ein Fliehkraftregler sowie einige Informationstafeln aufgestellt. Im Sommer 2003 befand sich das Stollenmundloch in verwahrlostem Zustand, war aber noch mit der (bereits stark beschädigten) Originalaufschrift versehen.

Zustand im Sommer 2003 mit dem Schreiber dieser Zeilen

Dann existiert noch ein Relikt der Brikettfabrik Impuls am Nordrand von Senftenberg, unmittelbar am stillgelegten Tagebau Meuro in der Nähe der Straße nach der ehemaligen Ortschaft Rauno gelegen. Impuls wurde bereits 1973 durch eine Braunkohlestaubexplosion zerstört, die Ruine jedoch erst Anfang der 90er Jahre durch die LMBV beseitigt. Übrig blieben eine Brikettpresse und ein Kettenbahnhunt, die offensichtlich als Denkmal gepflegt werden und erst jüngst einen neuen Anstrich erhalten haben.

Erinnerung an die Brikettfabrik Impuls

Ganz anders die Situation in Plessa. Hier befand sich in der Nachbarschaft des zum Glück erhalten gebliebenen Kraftwerks Plessa die Brikettfabrik 63 des BKK Lauchhammer, auch bekannt als Brikettfabrik Agnes. Diese Fabrik war im Laufe ihrer neunundachtzigjährigen Geschichte mehrmals Opfer von Braunkohlestaubexplosionen – zuletzt 1983 –, wurde jedoch immer wieder repariert und erneut angefahren, bis 1991 das endgültige Aus kam. Hier etablierte sich auf dem Fabriksgelände eine Art Schrott- und Bauschuttverwertungsbetrieb, und noch immer wird das Gelände von hohen Trümmerbergen aus Stahlbeton und Ziegelschutt geprägt, die offensichtlich unter anderem von den Abbruchmassen der ehemaligen Brikettfabrik und ihren Nebenanlagen stammen. Inmitten dieser wenig pittoresken Szenerie steht jedoch noch die ehemalige Turbinenhalle der Fabrik, jetzt zu einer Art Garage umfunktioniert.

Turbinenhalle der Brikettfabrik Plessa

In Lauchhammer fiel uns am Eingangstor der ehemaligen Kokerei noch ein Kuriosum auf: Auf dem Gelände der Kokerei ist jegliche Abbruchtätigkeit längst zum Stillstand gekommen …

Hier gibt es nichts mehr zum Abreißen

Über die ehemaligen Brikettfabriken der Lausitz ist leider nur sehr wenig Information im Netz und auch sonst zu finden. Hier noch ein paar interessante Links für Liebhaber der Materie:
Bilder der Brikettfabrik Kausche
Bilder der Brikettfabriken in Welzow
Bilder der Brikettfabrik Haidemühl

Sehr freuen würde sich der Verfasser dieses über Zuschriften von anderen Fans der vergangenen Braunkohleindustrie der Lausitz. In diesem Sinne: Glück auf!

Add post to: Delicious Reddit Slashdot Digg Technorati Google
(already: 33) Comment post

Comments

No comments for this post

Required. 30 chars of fewer.

Required.

captcha image Please, enter symbols, which you see on the image