Eisenbahn-Archäologie in der Lausitz, 1. Teil: Neupetershain – Welzow – Haidemühl

Besonders angetan haben es mir als Eisenbahnfreund verschiedene Strecken in der Nieder- und der Oberlausitz, wie zum Beispiel die Strecke Neupetershain – Welzow – Proschim-Haidemühl – Bluno – Bergen – Hoyerswerda. Eröffnet worden war diese Nebenbahn am 01.07.1907; der Abzweig Proschim-Haidemühl – Jessen – Roitz – Spremberg-West kam bis 01.04.1908 dazu. Näheres über die Geschichte ist bei Sachsenschiene und bei Bahnstrecken in Brandenburg nachzulesen.

Nach dem Krieg fielen die Streckenäste Proschim-Haidemühl — Spremberg-West und Bluno — Hoyerswerda verschiedenen Tagebau-Neuaufschlüssen zum Opfer, während der Abschnitt von Proschim-Haidemühl nach Bluno zunächst noch eine Anbindung an die in den 50er Jahren neuerbaute Strecke Abzw Sornoer Buden — Schwarze Pumpe erhalten hatte. Das letzte im Güterverkehr betriebene Teilstück war jedenfalls das von Neupetershain nach Welzow. Südlich von Welzow befindet sich ein respektabler Flugplatz, welcher bis Anfang der 90er Jahre von der russischen Armee betrieben wurde und heute eine Nutzung als ziviler Verkehrslandeplatz erfährt.

Hauptsächlich diesem Flugplatz soll der verbliebene Restverkehr zu verdanken gewesen sein; vermutlich wurden auch die Brikettfabrik Haidemühl (stillgelegt 1991) und ebenso die dortige Glashütte bis zu ihrem Ende über diese Strecke bedient, das heißt ihre Produkte abtransportiert. Zumindest ist das sehr naheliegend, wenn man die Lage der Anschlußgleise dieser Fabriken auf dem preußischen Meßtischblatt 4451 (TK 25), Stand 01.04.1938 betrachtet (zu finden in der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin). Interessant an dieser Karte ist auch, wie winzig im Vergleich zu den heutigen phantastischen Dimensionen die Tagebaue im Jahre 1938 waren … Die Brikettfabrik Kausche (stillgelegt 1992) und die Brikettfabrik Welzow (stillgelegt 1992) besaßen übrigens offensichtlich eigene nördlich von Welzow verlaufende Anschlußgleise, die ebenfalls im Bahnhof Neupetershain endeten. Aber auch westlich von Welzow bestand eine Verbindung dieser Werksgleise mit der Strecke der Reichsbahn.

Am 01.01.1995 wurde jener Rest dann endgültig stillgelegt, und am 13.04.2009 machte ich mich auf, nachzusehen, welche Relikte heute noch zu entdecken sind. Ich begann in Neupetershain an der Strecke Cottbus — Dresden. Hier kam mir gleich eine Zugkreuzung vor die Kameralinse:

143 596 und 114 004 (mit fehlender Kontrollziffer) in Neupetershain

Mit viel gutem Willen versuchte ich, hier Reste dessen, was wir als “Eisenbahnromantik” bezeichnen, zu entdecken. Aber das ist bei der DB im Jahre 2009 recht schwierig. Der Bahnsteig am rechten Bildrand war früher ein Inselbahnsteig; rechts davon fuhren einst die Züge nach Hoyerswerda ab. Außer den beiden Durchgangsgleisen wurde alles entfernt, was nicht unbedingt notwendig zum Betrieb ist. Einsam inmitten der Schotterwüste wartet auch noch das ehemalige Stellwerksgebäude auf den Abrißbagger.

Übersicht über den Bahnhof Neupetershain

Ehemaliges Stellwerk

Nun begann ich, nach dem ehemaligen Abzweig in Richtung Welzow zu suchen, konnte ihn aber nicht ausfindig machen. Also fuhr ich lieber nach Welzow weiter, um dort das ehemalige Bahnhofsgebäude zu begutachten, von dem ich immerhin aus eigener Anschauung wußte, daß es letztes Jahr noch vorhanden gewesen war.

Dort erwartete mich eine angenehme Überraschung: Das Bahnhofsgebäude erstrahlt in frisch renoviertem Glanz. Hier wird demnächst der Bergbautourismusverein “Stadt Welzow” e.V. einziehen. Man versucht, dem Unvermeidlichen positive Seiten abzugewinnen und sich die Tatsachen sozusagen offensiv zu Nutze zu machen. Darüber mag man geteilter Meinung sein – aber es ist doch immer noch besser, als gar nichts zu tun.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Welzow in frischem Glanz

Das ist übrigens die frühere Gleisseite. Das Gelände der früheren Gleisanlagen des Bahnhofs wurde vor kurzem mit einer Art Prachtstraße überbaut, mit den heute unvermeidlichen Kreiseln an beiden Enden. Auf Drehscheibe Online ist ein sehr interessanter Beitrag zu finden, in dem 91 9343 am 07.10.1972 in Welzow zu sehen ist. Der Standpunkt des Fotografen auf diesem Bild ist etwa derselbe wie meiner auf obenstehendem Foto.

Auch dieses Gebäude gehörte einst zum Bahnhof Welzow

Darauf entschied ich mich, zunächst einen Abstecher in Richtung Haidemühl zu machen, was sich jedoch als wenig ergiebig erwies. Südöstlich des ehemaligen Welzower Bahnhofsgeländes ab dem “Clara-See”, einem ganz alten Restloch, ist die Trasse mit einer sogenannten Fahrradstraße überbaut worden, sodaß die exakte Lage der Gleise auch hier nicht mehr ersichtlich ist. Wie weit sich diese Fahrradstraße erstreckt, werde ich bei meinem nächsten Lausitz-Aufenthalt erforschen.

Vom ehemaligen Bahnhof Proschim-Haidemühl ist anscheinend dieser Rest hier übriggeblieben, der heute Vattenfall gehört und sich “Forsthaus Proschim” nennt:

Reste des Bahnhofs Proschim-Haidemühl

Was für eine stattliche Sache das hier einmal war, kann man wiederum bei Sachsenschiene und bei Bahnstrecken in Brandenburg sehen. Das einzige kleine Gleisrestchen, das in der Nähe noch zu sehen ist, markiert den ehemaligen Bahnübergang südlich des Bahnhofs kurz vor dem ehemaligen Ortseingang von Haidemühl:

Ehemaliger Bahnübergang an der Straße Proschim - Haidemühl

Weiter in Richtung Bluno läßt sich der Streckenverlauf anscheinend noch eingermaßen verfolgen, doch das hebe ich mir ebenfalls für nächstes Mal und für das Fahrrad auf. So ging es zunächst zurück nach Welzow, um das angeblich im Jahre 2004 noch vorhandene Gleisstück in Richtung Neupetershain zu suchen.

Nordwestlich des ehemaligen Welzower Bahnhofsgeländes, an dem oberen Kreisel, ist endlich ein eindeutig als solcher zu identifizierender, wenn auch gleisloser Bahndamm zu sehen. Also auf zu Fuß in Richtung Neupetershain auf der alten Trasse! Und nach ein paar hundert Metern kommt dann endlich der besagte Gleisrest:

Streckenende in Welzow

Dieser Rest scheint gar nicht mal in schlechtem Zustand zu sein. Schwerer Oberbau mit Betonschwellen, der Bewuchs hält sich auch in Grenzen – man meint, es könne jeden Moment ein ETA 178 oder ähnliches (was hier tatsächlich einst verkehrte) vorbeikommen:

Die Trasse sieht guterhalten aus

Die Lokführer-Perspektive

Mitten im Wald ein kleiner ländlicher Bahnübergang

Ungefähr in der Mitte zwischen Neupetershain und Welzow steht ebenfalls mitten im Wald unvermittelt ein Prellbock auf der Strecke, und daneben fehlen rechts und links jeweils ein paar Meter Schiene – jedoch nicht hinter, sondern vor dem Prellbock. Wäre diese Stelle nicht, so könnte man, wenn man mittels Straßenroller und Autokran einen Leichttriebwagen oder ähnliches auf die Schienen stellte, immer noch von Neupetershain nach Welzow und zurück fahren. Eine Motorsäge sollte man dann allerdings mitführen, denn das Unkrautvertilgungsmittel, das hier einst versprüht wurde, wirkt doch nicht mehr an allen Stellen, und auch der eine oder andere umgestürzte Baum liegt quer über das Gleis …

Dann das Streckenende in Neupetershain. Kein Wunder, daß ich das am Anfang nicht finden konnte – liegt es doch beträchtlich weiter südwestlich, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Das Streckenende südwestlich des Bahnhofs Neupetershain

Daß die Gleise nach 14 Jahren Stillegung immer noch vorhanden sind, ist wohl ein Glücksfall, wenn man bedenkt, wie eilfertig die DB ansonsten den “Stahlschrott” an die Chinesen verhökert – siehe Forst — Weißwasser. Jedenfalls spiele ich jetzt mit dem Gedanken, mir ein sogenanntes Schienenfahrrad zu bauen, um mit diesem tatsächlich einmal auf der Strecke fahren zu können. Es müßte aber etwas professioneller konstruiert sein als das, was man zum Thema “Railbiking” sonst so im Netz zu sehen bekommt, mit irgendwelchen Skateboardrollen als Führungselement, womöglich noch auf der Außenseite des Schienenkopfes. Mir schwebt da eher etwas in der Art eines “echten” Zweiwegefahrzeugs vor, mit Spurkranzrädern vor und hinter den Fahrrad-Rädern und am Ausleger. Also möglichst so, daß das auch über Weichen fahren kann.

Bei meinem nächsten eisenbahn-archäologischen Ausflug in die Lausitz werde ich mir dann das “Schippchen”, also die ehemalige Zschipkau-Finsterwalder Eisenbahn, vornehmen. Bei der soll es sogar noch Güterverkehr auf einem kleinen Rest in Finsterwalde zu einem Drahtwerk geben …

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