Die deutschen 750 mm-Schmalspurbahnen, wie die Weißeritztalbahn oder der „Rasende Roland“, sind wohl den meisten hiesigen Eisenbahnfreunden ein Begriff. Auch die österreichischen Schmalspurbahnen auf 760 mm (der „bosnischen Spurweite“), wie die Zillertalbahn oder die Waldviertler Schmalspurbahn, dürften den meisten bekannt sein; schon weniger kennen die in Tschechien, wie die in Jindřichův Hradec und die in Třemešná ve Slezsku. Recht exotisch bereits muten vielen hiesigen Eisenbahnfreunden die Schmalspurbahnen in Polen, in Jugoslawien, in Ungarn, in der Slowakei und in der Ukraine an. Und kaum jemandem hier bei uns ist bekannt, daß auch in Rußland eine große Zahl von 750 mm-Bahnen existierte, von denen einige noch in Betrieb sind.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit einem Gebiet in Zentralrußland, etwa 900 km östlich von Moskau im Föderationskreis Wolga (Приволжский федеральный округ – Privolžskij federalnyj okrug) gelegen, zu – Кировская область (Kirovskaja oblast). Für mich deshalb naheliegend, weil ich familiäre Bindungen in Киров (Kirov), der Hauptstadt der Oblast, habe. Betrachtet der Eisenbahnfreund den Atlas der Kirovskaja oblast, so stellt er recht rasch und erstaunt fest, daß da eine Menge Schmalspurbahnen eingezeichnet sind. Auf russisch heißt Schmalspurbahn: Узкоколейная железная дорога (Uzkokolejnaja želěznaja doroga). Eine Webrecherche über diese stößt recht rasch auf folgende hochinteressante Seite (in russischer Sprache): Энциклопедия отечественных узкоколейных железных дорог (Encyklopedija otečestvennych uzkokolejnych želěznych dorog). Hier werden sämtliche bekannten Schmalspurbahnen auf dem Gebiet der ehemaligen Sovietunion behandelt, so auch die in Kirovskaja oblast.

Bei diesen Bahnen handelt es sich typischerweise um Wald- und um Torfbahnen; in vielen Fällen beginnen sie an Stationen der 1520 mm-Strecken der РЖД (RŽD). Andere sind von den übrigen Schienenwegen isoliert und beginnen an Häfen der zahlreichen, teils großen und schiffbaren Flüsse dieser Region, wie deren größtem, der Вятка (Vjatka), welche auch durch Kirov fließt und diesem früher seinen Namen gab. In den meisten Fällen verlaufen sie, wenn man der Karte glauben schenkt, durch ansonsten weglose Gegend, teils nahezu durch Wildnis zu Holzschlag und Torfstich. Einige jedoch besaßen und besitzen auch fahrplanmäßigen Personenverkehr.

Da wir bei unserem letzten Aufenthalt in Kirov in der letzten Maiwoche 2009 leider wenig Zeit hatten, fiel die Entscheidung, der Bahn von Кирово-Чепецк (Kirovo-Čepeck) – etwa 30 km östlich von Kirov gelegen – nach Октябрьский (Oktjabrskij) einen Besuch abzustatten. Dank der guten Straßenkarten und der Hinweise einer freundlichen Nachbarin fanden wir die Strecke in Kirovo-Čepeck auch sofort. Der Personenverkehr beginnt in der Station Торфяная (Torfjanaja); direkt westlich davon befindet sich der Chemiekomplex Химкомбинат (Chimkombinat), siehe Karte. Die 1520 mm-Strecke, die an der gleichen Stelle in dem auf der Karte mit Чепецкая (Čepeckaja) bezeichneten Bahnhof endet, ist eine Stichstrecke der Transsib, hat aber anscheinend keinen Personenverkehr. Die Schmalspurbahn ist die durchgezogene schwarze Linie mit den Querstrichen; der Personenverkehr geht bis Техническая (Techničeskaja), und auf den anderen Strecken gibt es Güterverkehr. Links das Ticket für den Personenzug. Die Bahn gehört der „ЗАО ВяткаТорф“, der Gesellschaft, die auch den Torfabbau in der Region betreibt.

Schmalspurbahn Кирово-Чепецк (Kirovo-Čepeck) - Октябрьский (Oktjabrskij)

Teilausschnitt der Karte der Schmalspurbahn Kirovo-Čepeck - Oktjabrskij

Wir kamen jedoch vorerst zur Station Новый (Novyj). Die freundliche Stellwerkerin dortselbst gab uns freundlich Auskunft über den Fahrplan; in Kürze werde ein Zug aus Techničeskaja, der aber hier ende, ankommen. Wir sollten mit dem Auto schnell weiter bis zur Station Боево (Bojovo) fahren, dort den bald kommenden Zug nach Novyj erwarten und mit diesem dann zurückfahren. Gesagt, getan!

Gleisbildstellpult in Новый (Novyj)

Ein Gleisbildstellpult aus dem Bilderbuch

Station Боево (Bojovo)

In Bojovo sind jedenfalls die Schienenköpfe nicht rostig

Поезд идёт! Der Zug kommt!

Поезд идёт! Der Zug kommt!

Ich komme mir vor wie zu richtigen klassischen Schmalspurzeiten, wie es sie in der BRD so zuletzt vielleicht vor 40 Jahren gab. Die Diesellok ТУ7А-3322 (TU7A-3322) brummt, und es sind nicht gerade wenige Leute, die die Schmalspurbahn benutzen:

Traumhaftes Fahrgastaufkommen in Bojovo

Traumhaftes Fahrgastaufkommen in Bojovo

Leider war uns wie gesagt nur die kurze Fahrt zurück nach Novyj vergönnt; insbesondere konnten wir die recht große Brücke über die Чепца (Čepca), die auf der Karte ebenfalls eingezeichnet ist, nicht sehen. Aber so kurz es war, so war es doch ein einmaliges Schmalspurerlebnis! Allerdings bedürfen sowohl die Strecke als auch der Zug zweifellos einer Aufarbeitung ...

Holzklasse mit Kanonenofen

Holzklasse mit Kanonenofen

ТУ7А-3322

Zurück in Novyj setzt die TU7A um ...

ТУ7А-3322

... und ist nach wenigen Minuten bereit für die Rückfahrt nach Techničeskaja

Typischer russischer Schmalspur-Personenwagen

Dieser Wagen blieb einsam und allein in Novyj stehen

Man beachte die automatische Mittelpufferkupplung, ganz wie bei den breitspurigen Kollegen. Leider werden wir erst zu Neujahr, zum russischen Weihnachtsfest, wieder nach Kirov kommen. Bleibt zu hoffen, daß die Witterungsverhältnisse dann einen etwas ausgiebigeren Aufenthalt an dieser wunderschönen Schmalspurbahn ohne jedes Museumsbahnflair erlauben werden!

Und hier zum Abschluß noch ein kleines Video von ebenda.

Russische Schmalspurbahn in Kirovo-Čepeck

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