Hach, wie ich diesen schwachsinnigen Ausdruck doch liebe. Ist es ja nicht der Fachkräftemangel, der da so flehentlich die Hände ringt, sondern angeblich die Wirtschaft und der öffentliche Dienst. Also, es ist mal wieder Zeit für einen richtig bitteren zynischen Rant.

Ich berichte hier natürlich nicht über eigene, sondern über die jüngsten Erfahrungen eines Freundes. Eines Typen wie ich: Altgedienter Webworker und Linuxer der ersten Stunde mit jahrzehntelanger, x-fach erwiesener Expertise, unter anderem auch in einigen sehr speziellen Fachgebieten, für die es in der Tat nur sehr wenige taugliche Kandidaten gibt.

Dieser Freund nun hatte im Dezember zwei Vorstellungsgespräche. Eines bei einer Firma, die im weiteren Sinne dem ÖD zuzurechnen ist. Einem ersten Online-Interview folgte sogleich ein persönlicher Termin im Betrieb, alles schien schick und positiv, er wurde danach auch noch ausgiebig im Betrieb herumgeführt und ihm stolz all die prächtigen Sozialräume vorgeführt und alles.

Er war demzufolge, wie man sich denken kann, recht positiv gestimmt, allein er bekam danach keine Rückmeldung mehr. Weder Zusage noch Absage, einfach – nichts. Das war schon frappierend, auch mächtig enttäuschend. Aber egal, sagte sich der wackere Werkmann, es stand ja im Dezember noch ein weiteres Vorstellungsgespräch an, diesmal bei einer Institution im eigentlichen ÖD, für deren Aufgaben er aufgrund seiner oben genannten sehr speziellen Fachkenntnisse wie geschaffen zu sein schien.

Dass die Institution ihm vorab eine „Praxisaufgabe“ – seltsames Wort in dem Zusammenhang, man denkt an einen Arzt, der sich zur Ruhe setzt und seine Praxis aufgibt – gestellt hatte: geschenkt. Der gute Mann erledigte diese Aufgabe, obwohl er sich eigentlich vorgenommen hatte, dergleichen Spielchen nie wieder mitzuspielen. War dies etwa keine Beleidigung? Stellte man solche Aufgaben etwa einem Senior Full-Stack DevOp mit einem ellenlangen, Jahrzehnte umfassenden Portfolio? Egal. Es war jedenfalls der „Mühe“ nicht wert gewesen, wie wir gleich sehen werden.

Er begab sich also zum Vorstellungsgespräch in „Präzens“ (sic) in jene Institution. Besten Mutes und in bester Stimmung!

Der anwesende IT-Leiter der Institution war dann derjenige, der sich befleißigt fühlte, dem guten Mann auf den Zahn zu fühlen. Dabei fand die „Praxisaufgabe“ kaum Erwähnung, außer dass die Sache funktioniert habe wie erwartet, und einer ausgesprochen unbedarften Frage zu deren Projektstruktur.

Gleichwohl: Ein mindestens zwanzig Jahre jüngerer IT-Leiter als unser Prüfling hier hat natürlich kraft seiner Position einen weitaus besseren Überblick als jener. Daher hat ersterer es auch nicht nötig, sich etwa mit dem Portfolio oder auch den Zeugnissen des Bewerbers eingehend zu befassen, sondern spult stattdessen ein Standardprozedere ab, in dessen Verlauf unser Prüfling sich doch – horribile dictu! – dazu hinreißen läßt, dem Herrn IT-Leiter zu widersprechen!

Das muss schon ein ganz dicker Minuspunkt gewesen sein. Was aber wohl noch schwerer wog: Auf die Frage, wie er mit allfälligen Problemen umginge, äußerte unser Prüfling, seiner Natur gemäß: Frei raus damit, auf jeden Fall immer Klartext reden!

Ein No-Go, ein echter Showstopper. Was in der heutigen Zeit wirklich gar nicht mehr geht, also unter absolut gar keinen Umständen, ist Klartext reden. Die Politik macht es vor, die Medien machen es vor, die Wirtschaft macht es vor, der ÖD macht es vor: Gefragt sind Schönschwätz und Süßholzraspelei, sind hohle, aber wohlklingende Worte, ist wohlgefälliges Herumgerede um den heißen Brei, damit auch nur ja keine Beteiligten in ihrer Komfort-Zone gestört würden. Mein guter Freund meinte, ihm sei in dem Moment auch sofort klar geworden, dass er durchgefallen war.

„Wir melden uns spätestens Anfang nächster Woche wieder bei Ihnen.“ Muss ich noch extra erwähnen, dass dies auch hier nimmermehr der Fall war? Keinen Mucks hörte man mehr.

So also ist der „Fachkräftemangel“ im Deutschland des Jahres 2023 beschaffen. Ich stelle gewiss nicht in Abrede, dass ein Mangel an Fachkräften besteht, die allein die Arbeit von drei bis fünf Leuten machen und dabei für eine halbe Stelle bezahlt werden. Auch ist klar, dass in einem solchen System keine Fachkraft jemals irgendwelche Chancen auf Karriere oder Aufstieg hat. Mein Freund meinte in dem Zusammenhang, dass der oben geschilderte IT-Leiter als Paradebeispiel für das berühmte Peter-Prinzip gelten dürfe.

Allein: Wenigstens eine freundliche Absage müßte nach menschlichem Ermessen doch immerhin drin sein. Aber Pustekuchen. Einfach nur schofel, sowas.

„Praxisaufgabe“, Portfolio, Zeugnisse – alles für die Katz. Du bist als Fachkraft im Deutschland des Jahres 2023 ganz einfach einen alten Dreck wert, das allein ist die bittere Wahrheit. Und das ist ja nur ein relativ kleines Problem verglichen mit all den anderen höchst unheilvollen Entwicklungen in Deutschland. Wer noch alle Tassen im Schrank hat, der versucht entweder im nahegelegenen oder ferngelegenen Ausland sein Glück und/oder stellt was eigenes auf die Beine.

Und da wir beide echten Fachkräfte noch recht lange nicht zum alten Eisen gehören werden, sind wir guten Mutes, was diesen letztgenannten Punkt angeht. Die Nichtskönner und Schönschwätze allerorten hingegen können nur auf ihre Netzwerke und ihre Süßholzraspelei vertrauen, und es wird sich erweisen, wer am Ende den längeren Atem haben wird. Spätestens dann nämlich, wenn keiner mehr da ist, der denen die eigentliche Arbeit erledigt und sie feststellen müssen, dass man heiße Luft nicht fressen kann.

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