Vor einem Jahr war ich zuletzt in der geliebten Tschechischen Republik unterwegs. Die sich überstürzenden Zeitläufte mit teils sehr negativem, teils aber auch sehr positivem Charakter hielten mich seitdem vom Reisen ab, und jetzt während der Coronakrise hat sich das Thema sowieso bis auf Weiteres erübrigt. Bei der Durchsicht meines digitalen Fotoarchivs stieß ich auf die Bilder meines damaligen Besuches bei der Mühle von Hoslovice, die ich jetzt zeigen möchte.

Rückwärtige Gesamtansicht der Mühle von Hoslovice

Rückwärtige Gesamtansicht der Mühle von Hoslovice. Ich kann mir vorstellen, dass auch die sagenhafte Krabatmühle bei Schwarzkollm / Čorny Chołmc in der Niederlausitz einmal so ähnlich ausgesehen hat ...

Zu der Zeit wohnte ich ja in der Nähe des sogenannten Millionendorfes (ich nenne es nur unter Ermangelung eines stärkeren Schimpfwortes für diesen giftigen Ort so) und nahm deshalb für mein Zielgebiet etwa fünfzig Kilometer östlich von Prag meist den Weg über die Grenze bei Strážný und dann weiter über Strakonice und Příbram hin zum Pražský okruh, dem Prager Autobahnring. Auf diesem Weg fiel mir etwa auf der Höhe von Volyně ein Hinweisschild auf: „Kulturní památek vodní mlýn Hoslovice“, Kulturdenkmal Wassermühle Hoslovice. Also stilgerecht mit dem „Škodík“ aka „malý přítel“ (kleiner Freund) einen Abstecher dorthin gemacht.

Hoslovice ist ein nahe der ehemaligen tschechisch-deutschen Sprachgrenze bei Vimperk gelegenes idyllisches Dörfchen in intakter, romantischer hügeliger Landschaft. Kleiner Exkurs für jene Vollpfosten unter meinen Volksgenossen, die dies vielleicht lesen und die immer recht indigniert sind, wenn sie feststellen müssen, dass in der ČR tatsächlich auch Tschechisch gesprochen wird anstatt Deutsch: Ja, es hat diese Sprachgrenze tatsächlich gegeben, und nein, ein Ort wie Hoslovice war nie deutsch, ist es jetzt nicht und wird es nimmermehr sein, gottseidank.

František Harant Mlynář, Hoslovice / Franz Harant Müller zu Hoslovice

František Harant Mlynář, Hoslovice / Franz Harant Müller zu Hoslovice

Die Mühle selbst ist von Hoslovice aus nicht mit dem Kraftfahrzeug zu erreichen, sondern man muss in Hoslovice parken und dann den Weg vom an einer Hanglage gelegenen Dörfchen zu Fuß in den nahegelegenen Talgrund des Hoslovický potok nehmen, gerade so wie es die Bauern des Dorfes seit alter Zeit zu tun pflegten. Es handelt sich hier um ein wirklich außergewöhnliches technisches Denkmal; durch die besonderen Umstände konnte sich hier Mühlentechnologie des Mittelalters erhalten. So etwas habe ich vorher noch nicht gesehen. Das ganze Ensemble ist schon seit längerer Zeit in der Hand des Muzeum středního Pootaví Strakonice und wird in ganz vorbildlicher Weise instandgehalten, wie man es von technischen Denkmalen in der Tschechischen Republik eben so kennt.

Als ich dort anlangte, stellte ich mit Schrecken fest, dass ich für den Eintritt überhaupt kein Bargeld mehr in der Tasche hatte, weder Tschechische Kronen noch Euros. Kartenzahlung ging nicht. Man war aber verständnisvoll und ließ mich gratis ein, nicht ohne mir ein Ticket zum Preis von 0,00 Kč auszustellen. Habe ich schon erwähnt, dass der Tscheche an sich ein äußerst liebenswerter Zeitgenosse ist?

Die Mühle selbst besitzt ein oberschlächtiges Wasserrad und gehört zu jenem Typus, bei dem erst aufgestaut werden musste, bevor gemahlen werden konnte. Der Zufluss zum Mühlenteich ist denkbar gering; es ist immer wieder faszinierend, zu sehen, mit welch minimalem energetischem Aufwand die Alten es verstanden haben, solche technischen Werke in Betrieb zu setzen, denen dann auch noch eine vielhundertjährige Lebensdauer beschieden war.

Zufluss zum Mühlteich mit natürlichem Blumenschmuck

Zufluss zum Mühlteich mit natürlichem Blumenschmuck

Eingehaustes Wasserrad und Überlauf

Das bei näherem Hinsehen rechts der Bildmitte zu erkennende oberschlächtige Wasserrad in seiner Einhausung mit dem Überlauf, dahinter der Damm des Mühlteichs

Wie wir alle wissen (sollten), hat der „real existierende Sozialismus“ überall, so auch leider in der ČSSR, in seiner Rücksichtslosigkeit allzuvieles zerstört, was der Scheißkrieg übrig gelassen hatte. Doch hier waren die Verhältnisse nochmals ganz Besondere. Dazu war in deutscher Sprache folgender Text zu lesen, den von meinen Fotos abzutippen mir der Service von Online OCR ersparte:

Mittelalterliche Wassermühle Hoslovice

Erste schriftliche Eintragung von der Existenz dieser Mühle ist aus dem Jahre 1352. Das Alter der Mühle hat auch die Erforschung des Holzalters bestätigt. Im ältesten Teil der Mühle, dem Schüttboden (Speicher), befinden sich Balken aus Bäumen, die in den Jahren 1568 - 1569 gefällt waren. Die bestehenden Gebäude und der Teich sind in den Landkarten des Theresianischen Katasters aus dem Jahre 1748 verzeichnet. Die zeitgemässen Eintragungen sprechen von einer Mühle mit einem Wasserrad und einer Stampfmühle für Graupenerzeugung.

Ausführliche Informationen über die Mühle und die Wasserverhältnisse bringt das Wasserbuch aus dem Jahre 1884. Genau beschrieben sind darin die Durchmesser des Wasserrades und des Kammrades, die Breite und Länge des Mühlgrabens (Zuleitunggrabens), die Höhe des Sicherheitsüberlaufs oder der Durchmesser des Wandtrogs, der hölzernen Tröge (Kähnerrinnen), die das Wasser zum Mühlrad zuleiten. Alle Angaben entsprachen den Dimensionen der Mühleinrichtungen, die am Ort vor Beginn der Rekonstruktion gefunden wurden.

Der einzige Mahlgang der Mühle

Der einzige Mahlgang der Mühle: Oben der Aufschütttrichter, darunter der Rüttelschuh, zuunterst Läufer und Bodenstein

Kammrad und Stampfmühle

Kammrad und Stampfmühle

Einlaufschütz des Triebwerkes

Einlaufschütz des Triebwerkes

Im Jahre 2004 starb der letzte Eigentümer der Mühle und ein Jahr später kaufte das Areal der Kreis Südböhmen. Dieser übergab alles in die Hände der Verwaltung des "Museums des mittleren Otawagebietes" und beauftragte sie mit der Beseitigung des Havariezustandes einiger Teile und mit der Renovierung, die dann von Mitte 2005 bis Ende 2007 verlief.

Die Baufirma musste mehrere anspruchsvolle Bauarbeiten durchführen. Dabei durfte sie aber das Kulturdenkmal nicht beschädigen und musste auch sicherstellen, dass die Mahltechnologie in der Zukunft funktionieren wird. Es ging vor allem um die statische Sicherung der Mühle an der am Wasser liegenden Wand (der Uferseite) und um die nachfolgende Übermauerung der ganzen Eiskammer, des Raumes mit dem Wasserrad. Vor Beginn der Bauarbeiten wurde die ganze innere Einrichtung des Mühlhauses demontiert und nach Beendigung wurde alles wieder fast zentimetergenau zurückmontiert. Die Bauarbeiter mussten sich auch mit den Reparaturen zu helfen wissen, besonders beim Einhalten des ursprünglichen Materials und der alten Arbeitsverfahren, zum Beispiel bei der Übermauerung der Stützsäulen (Pfeiler) in der Scheune oder bei der Erneuerung der Bedachung mit Strohschauben.

In den Teich oberhalb der Mühle wird Wasser aus dem Bach durch den Mühlgraben zugeführt, der 150 m lang ist. Auf das Mühlrad strömt Wasser aus hölzernen Trögen. Die Mahltechnologie ist sehr altertümlich und gehört unter die Wertvollsten in Böhmen. Diese traditionelle Art des Kornmahlens zwischen zwei Mühlsteinen wurde schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts durch neuere Mahltechnologie zwischen Walzen ersetzt. In Hoslovice blieb der ursprüngliche tschechische Mahlgang mit vielen archaischen Elementen erhalten. Das Kammrad betreibt mittels eines hölzernen Triebrades den oberen Mühlstein, den Läuferstein. Beide Mühlsteine sind in einem Holzkasten, dem Mühlsteinmantel (Zarge), verborgen. Der Läufer rüttelt am Aufschüttkasten (Trichter), damit das Korn leichter zwischen die Mühlsteine fallen kann. Zwei Dorne am Triebrad schütteln auch den Ärmel. einen Leinensack, durch den das Mehl in den Mehlkasten gesiebt wird, oder dann über ein Sieb direkt bis in die Mehltruhe gelangt. Sehr alt und einfach ist auch die Hebeleinrichtung zur Regulierrung der Spalte (Gleichrichtung der Entfernung zwischen den Mühlsteinen).

Von der Stampfmühle, die das Korn zu Graupen zerkleinerte, wird ertsmals in den Eintragungen in der Mitte des 18. Jahrhunderts gesprochen.

Das Gebäude der Mühle ist ein typisches Schüttbodenhaus, teilweise gezimmert und mit einem Hängeboden am Haus versehen. Von seiner Altertümlichkeit zeugen auch die engen schiessschartenähnlichen Fenster des Schüttbodens und die rekonstruierte Renaissance - Eckverziehung. Bei späteren Umbauten wurde die Mühle um ein gezimmertes Stübchen im Stock und um ein Zimmer im Erdgeschoss erweitert. In diesem Zimmer blieb ein Kachelofen und ein vom Flur her zugänglicher Brotbackofen erhalten. Das gesamte Heizsystem funktioniert noch immer.

Der Hof bei der Mühle ist durch ein längliches gemauertes Stallgebäude mit Wagen und Geräteschuppen abgesperrt. Vor dem mittleren Teil des Stallgebäudes sind noch einzelne gezimmerte Ställe für Schweine erhalten geblieben.

Im hinteren Teil des Areals steht eine Scheune mit rechteckigem Grundriss und mit einem Satteldach. Sie diente zur Aufbewahrung von Heu, Stroh und Geräten, aber auch zum Dreschen des Getreides mit Dreschflegeln oder mit einer noch gut erhaltenen Dreschmaschine. Diese Maschine wurde von einem hinter der Scheune befindlichen Göpel betrieben, der wieder von Kühen gezogen wurde.

Die letzten Eigentümer der Mühle, die Familie Harant, kaufte das ganze Areal mit Feldern und Wäldern im Jahre 1829. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg starben die Eltern der letzten Besitzer und in der Mühle blieben drei Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester. Sie wirtschafteten auf 16 ha Felder und seit 1952 haben sie immerfort abgelehnt der landwirtschaftlichen Genossenschaft beizutreten. Sie sind mit der damaligen Macht aneinander geraten. Die zwei Brüder wurden zum Militär einberufen und kamen ins Gefängnis. Als der Widerstand der beiden Brüder gegen die Vergenossenschaftung ihres Besitzes weiter andauerte, wurden sie beide entmündigt. Sie bestanden aber weiterhin an ihrem Widerstand, bestellten ihre Felder, zahlten weder die Steuern noch führten sie die Naturalpflichtabgaben ab. Sie verschlossen sich vor der Gesellschaft ab und versuchten ganz selbstgenügsam zu sein. Was sie auf ihren Feldern ernteten oder in den Ställen züchteten, das tauschten sie gegen Petroleum, Salz oder Bekleidung um. Sie mahlten sich das Mehl selbst und backten auch selbst das Brot. Als der ältere Bruder Franz und die Schwester Marie starben, blieb der jüngere Bruder Karl allein im Haus. Auch nach der Wende 1989 hat sich Karls Verhalten nicht verändert. Fremde Leute liess er in die Mühle nicht herein und lehnte auch jegliche Hilfe ab, einschliesslich die Hilfe eines Arztes. Anfang Januar 2004 starb der Müller Karl Harant in der Stube seiner Mühle. Er hat vom Staat oder von fremden Leuten nie etwas genommen, nicht einmal ein Stück Brotrinde.

Der einzige Sichter der Mühle

Der einzige Sichter der Mühle, dahinter das Kammrad, darüber der Mahlgang

„Sie bestanden aber weiterhin an ihrem Widerstand, bestellten ihre Felder, zahlten weder die Steuern noch führten sie die Naturalpflichtabgaben ab.“ Alter Verwalter. Meine Hochachtung vor diesen Leuten kennt keine Grenzen. Aber ich hatte schon früher den Eindruck, dass gerade die Müller egal in welchem Land weit mehr Widerstandswillen gegen die Obrigkeit und jedwede Totalitarismen besaßen und auch Erfolg in ihrem Bestreben hatten als so manch anderer, der sich dann doch früher oder später kleinkriegen ließ.

Wohnstube der Mühle

Wohnstube der Mühle ... man sieht deutlich, wem allein hier Vertrauen geschenkt wurde ... dem Staat jedenfalls nicht

Wie dem auch sei. Der Besuch dieses nahezu einzigartigen technischen Denkmals ist jedem am Mühlenwesen oder der Wasserkraft Interessierten uneingeschränkt zu empfehlen. Leider ist derzeit geschlossen, so wie alle Museen in der ČR. Trotzdem hier der Link zur Website und hier die Lage bei mapy.cz.

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