Zu meinem 49. Geburtstag reiste ich wieder einmal in die Ukraine. Dank des Billigfliegers WizzAir und des zu Krailling relativ nahegelegenen Flughafens Memmingen, von dem aus man für meist recht kleines Geld nach Kiev fliegen kann, der nach wie vor (jedenfalls für uns Wertewestler) sehr niedrigen Fahrpreise der Укрзализныця (Ukrzaliznycja), der ukrainischen Eisenbahn, sowie der Visumsfreiheit für Inhaber eines Passes der „BRD“ ist jedes Ziel in der Ukraine auch mit einem schmalen Budget leicht erreichbar. Und man sollte am besten so wie ich außerdem auch noch ein ausgesprochenes Faible für dieses in vielerlei Hinsicht rätselhafte Land mitbringen ...

Zuvor stellte sich noch die Frage nach der Kamera. Die immerhin auch schon fast zehn Jahre alte Canon-Spiegelreflex EOS 450D wollte ich diesmal irgendwie nicht mit mir herumschleppen, vielleicht auch, um nicht so sehr wie ein Tourist auszusehen. Also die zigarettenschachtelkleine Sony DSC-W100? Obwohl ich die einst wegen ihres hervorragenden Zeiss Vario Tessar-Objektivs erworben hatte, erschien es mir, daß diese heute keinen großen Mehrwert mehr gegenüber dem Smartphone liefern kann, da man jenes ja sowieso immer dabei hat und die meisten Smartphones heute auch eine höhere Auflösung bieten als die von mir aus sentimentalen Gründen sehr geschätzte kleine Sony.

Ich bin ja nach wie vor der Ansicht, daß zu einem guten Photo genau zwei Dinge gehören: Eine gute Motivauswahl und eine gute Beleuchtung. Dann kommt lange, lange nichts, und dann viel später irgendwann solche Sachen wie die Qualität des sündhaft teuren Super-Duper-Objektivs, die gigantische Zahl von Megapixeln und so weiter. Manche bestreiten das zwar und ergehen sich in langen Elaboraten, die das Gegenteil beweisen sollen, aber vielleicht tun sie das auch nur, um ihr ganzes tolles Equipment vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen ... was nicht bedeutet, daß ich ein Problem damit hätte, innerhalb von einer halben Stunde zehn- oder zwanzigtausend Euro nur für Photosachen auszugeben, wenn mich denn jemand ließe :)

Der langen Rede kurzer Sinn: Diesmal nahm ich also nur mein ausgesprochen bescheidenes 150 Euro billiges Smartphone LG-D722 mit. Ich war ja schon oft sehr frappiert davon, was für tolle Photos sich mit einem solchen Spielzeugobjektiv mit seiner Minibrennweite in Verbindung mit einer relativ hohen Auflösung doch erzielen lassen, wenn die beiden oben genannten Parameter stimmen. Daher entstammen alle Fotos in diesem Posting eben diesem Smartphone, und alle Nachbearbeitung beschränkte sich ausschließlich auf das Entfernen der sogenannten „stürzenden Linien“ bei den zahlreichen Architekturaufnahmen. Zugegebenermaßen waren durch das Oktoberwetter mit strahlendem Sonnenschein und ultrablauem Himmel bei gleichzeitig schon recht tiefstehender Sonne die Beleuchtungsverhältnisse während der ganzen Reise optimal.

Die drei schönsten Städte, die ich kenne, sind Prag, Wien und Kiev, wobei Prag die Nummer Eins ist und Wien und Kiev sich den zweiten Platz teilen. Diese beiden haben neben ihrer vergleichbaren Größe auch die Tatsache gemeinsam, daß man mit der U-Bahn zum Badestrand fahren kann :) Immer wieder ist es absolut faszinierend, beim Anflug auf Kiev das Panorama der Stadt mit dem riesigen, majestätischen Dnjepr zu beobachten. Man reserviere dazu tunlichst einen Platz auf der linken Seite des Airliners. Diesmal waren für mich allerdings nur ein paar Stunden Aufenthalt in Kiev eingeplant.

Kiev begrüßt seine Gäste

Kiev begrüßt seine Gäste! Wenn ich das sehe, freue mich immer wie ein kleines Kind :)

Vom Flughafen Жуляни (Žuljani) geht es zunächst mit dem Trolleybus Nummer 22 (die Haltestelle befindet sich in etwa hinter dem Willkommensgruß im Bild) für vier Grivna bis zur U-Bahn-Station Шулявська (Šuljavska) der roten Linie. Von hier sind es für acht Grivna zwei Stationen bis zum Kiever Hauptbahnhof, Station Вокзальна (Vokzalna), oder fünf Stationen bis zur Stadtmitte, Station Хрещатик (Chreštšatik). Die Fahrpreise verstehen sich immer für eine Einzelfahrt, ganz gleich, wie lange diese dauert.

Mein eigentliches Ziel, mit dem ich den Aufenthalt in Kiev ausfüllen wollte, war das Nationale Kunstmuseum der Ukraine, aber dieses war leider wegen Renovierungsarbeiten bis November 2018 geschlossen. So hieß es jedenfalls. Daß der Zustand des Museums verbesserungswürdig ist, war mir in der Tat bereits ein Jahr zuvor aufgefallen. Ob sie es wohl geschafft haben, bis zum November (also jetzt) auch die große Treppe zu reparieren?

Національний художній музей України (Nationales Kunstmuseum der Ukraine)

Національний художній музей України (Nationales Kunstmuseum der Ukraine)

Das war also leider nichts. Daher beschloß ich, die Zeit mit einem Spaziergang im Zentrum Kievs zu verbummeln.

Kiev hatte ich ja schon letztes Jahr gebührend gewürdigt, daher hier nur ein paar Schnappschüsse vom Chreštšatik. Man muß das erlebt haben, wenn am Wochendende der gesamte Maidan und der Chreštšatik abends für den Straßenverkehr gesperrt sind und alles zu einer riesigen Fußgängerzone und Partymeile wird. So etwas hat der vom ach so tollen München verwöhnte Wohlstandsspießer noch nie gesehen. Aber ich schweife ab ...

Gebäude aus der Ära Stalins am Chreštšatik Kiev ist, wie Rom, auf sieben Hügeln erbaut

Kiev ist, wie Rom, auf sieben Hügeln erbaut, daher die Hanglage auf der Ostseite des Chreštšatik

Die Parallele zu Rom zeigt sich auch in dem wunderschönen Spruch mir unbekannter Herkunft: „Moskau ist eine alte Stadt, und St. Petersburg ist eine junge Stadt, doch Kiev ist eine ewige Stadt ...“

ЦУМ (Zentrales Universalkaufhaus) am Chreštšatik

ЦУМ (Центральный универсальный магазин / Zentrales Universalkaufhaus) am Chreštšatik

Die Hauptfiliale des „Schokoladenkönigs“

Die Hauptfiliale des „Schokoladenkönigs“

Warum „Schokoladenkönig“? Nun, die Schokoladenmarke „Roshen“ befindet sich angeblich quasi im Privatbesitz des ukrainischen Staatspräsidenten Петро Олексійович Порошенко, dessen Nachname in englischer Transskription „Poroshenko“ lautet. Man mag von diesem Herrn halten, was man will, aber die Produkte von „Roshen“ sind unzweifelhaft von hervorragender Qualität.

Nun war es langsam Zeit zur Weiterreise nach Charkov, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Seit einger Zeit gibt es bei der Укрзализныця eine Intercity-artige Schnellverbindung von Kiev nach Charkov, die von neuen von Hyundai erbauten Triebwagenzügen vom Typ HRCS2 bedient wird.

Киев-Пассажирский (Kiev Hauptbahnhof)

Вокзал Киев-Пассажирский (Kiev Hauptbahnhof)

Auf dem Bahnhofsvorplatz gibt es sehr leckere шаурма (Schawarma)

Vorher gab es noch eine Stärkung in Form einer sehr leckeren шаурма (Schawarma)

Aber Achtung: Man sorge vor und schlucke am besten gleich bei Ankunft im Land zur Vorsorge eine Handvoll Kohletabletten! Man weiß nie, wie der Magen direkt nach einer Reise von immerhin fast 2000 Kilometern reagieren wird. Die Kohletabletten (вугілля активование, sprich „vugilja aktivovaně“) sind in der Ukraine für wenig Geld in jeder Apotheke erhältlich. Viagra und Cialis übrigens auch, ohne Rezept versteht sich, dies nur am Rande.

U-Bahn-Station Вокзальна

U-Bahn-Station Вокзальна gegenüber dem Hauptbahnhof

Schlafwagenzug mit der schönen Tschechoslowakin ЧС4-069 und dem koreanischen Schnelltriebwagen HRCS2-009

Schlafwagenzug mit der schönen Tschechoslowakin ЧС4-069 und dem koreanischen Schnelltriebwagen HRCS2-009 im allerletzten Photolicht des Tages

Tags darauf ein erster Spaziergang durch Charkov. Ein besonders schönes Beispiel für den sozialistischen Modernismus sowie für den Brutalismus ist das Opernhaus. Bei näherer Betrachtung offenbart sich die diesem Baustil innewohnende Ästhetik, die zumindest hier letztendlich leicht, abgehoben, teils wie schwebend erscheint, trotz der Betonmassen. Ein Jahr zuvor hatte ich die äußerst eindrucksvolle Ausstellung „SOS Bru­tal­is­mus. Ret­tet die Be­ton­mon­ster!“ im Architekturzentrum Wien besucht, wodurch ich womöglich erst in die Lage versetzt wurde, dieses Bauwerk adäquat wahrnehmen zu können.

Charkover Opern- und Balletthaus

Харьковский театр оперы и балета имени Н. В. Лысенко (Charkover Opern- und Balletthaus benannt nach N. V. Lysenko)

Жигули (Žiguli) 2101 / BA3-2101

Жигули (Žiguli) 2101 / BA3-2101, Baujahre 1970 bis 1988

Einige sehen diese „alten Sovjetkisten“ mittlerweile als erhaltenswerte Klassiker an, wie auch dieser Aufkleber (auf einem anderen danebenstehenden Жигули) zeigt:

Классика всегда в моде – Klassiker sind immer in Mode

Классика всегда в моде! – Klassiker sind immer in Mode!

Die große Hauptstraße Charkovs ist die Сумская улица (Sumskaja ulica), an welcher auch das Opernhaus liegt. Hier gibt es etliche sehr schöne Fassaden aus sowjetischer sowie präsowjetischer Zeit zu sehen.

Jugendstil an der Сумская улица

Jugendstil an der Сумская улица

Neogotik wohl aus dem 19. Jahrhundert an der Сумская улица

Neogotik wohl aus dem 19. Jahrhundert an der Сумская улица

Einer der größten Plätze Charkovs ist der площадь Свободы (ploštšad Svobody), an dem sich unter anderem der riesige Hauptkomplex der Universität befindet. Auch der verehrte Товарищ Ульянов war hier mit einer großen Skulptur geehrt worden, aber leider haben (zu meinem Leidwesen) wie auch in anderen Städten der Ukraine die Ikonoklasten die Oberhand behalten.

Площадь Свободы

Площадь Свободы

Премьер Палас Отель Харьков

Премьер Палас Отель Харьков (Premier Palas Otel Charkov)

Dieser repräsentative Neubau ist das angeblich beste und teuerste Hotel in Charkov.

Panorama Lounge

Panorama Lounge

An meinem Geburtstag gab es nach einer erholsamen Thai-Massage Kaffee und Kuchen in diesem ansprechenden Lokal namens Panorama Lounge in der obersten Etage der переулок Костюринский, 2 (pereulok Kostjurinskij, 2). Man hat im übrigen 24 Stunden am Tag geöffnet und nachts wird man zu einer der beliebtesten Discos der Stadt.

Das eigentliche Stadtzentrum ist aber der площадь Конституции (ploštšad Konstitucij). Auch hier wiederum gibt es viel Sehenswertes.

Diese Fassade erinnert sehr an den Зимний дворец, den Winterpalast in St. Petersburg

Diese Fassade erinnert sehr an den Зимний дворец, den Winterpalast in St. Petersburg

Ресторан грузинской кухни Georgia

Ресторан грузинской кухни Georgia

Wie gewohnt in der Ukraine läßt die Gastronomie nichts zu wünschen übrig, hier im georgischen Restaurant Ресторан грузинской кухни Georgia im проспект Независимости, 10А (prospěkt Nězavisimosti, 10А). Sehr lecker und absolut zu empfehlen. Auch am georgischen Wein, der in der Ukraine sehr verbreitet ist, gibt es absolut nichts zu meckern.

Пузата хата (Puzata chata)

Пузата хата (Puzata chata) am площадь Конституции

Und Пузата хата ... ? Ja, was ist das eigentlich? Wohl eine Fast Food-Kette, die auf ukrainisch getrimmt ist. Ich habe noch nie eines betreten und von meinen ukrainischen Bekannten wurde es noch nie erwähnt, auch nicht abfällig. Bisher hatte mich das angesichts der sonstigen gastronomischen Möglichkeiten auch nicht sonderlich interessiert. Es soll aber billig und gut sein. Daher werde ich Пузата хата beim nächsten Mal näher in Augenschein nehmen.

Motortransport-Hochschule

Харьковский государственный автотранспортный колледж (Charkover staatliche Motortransport-Hochschule) am площадь Конституции

Marionettentheater

Fantastisches sozialistisches Art déco: Харьковский государственный академический театр кукол имени В. А. Афанасьева (Charkover staatliches akademisches Marionettentheater benannt nach V.A. Afanasěv)

Арт-отель Ирис

Unser Frühstück nahmen wir stets im sehr vom Jugendstil beeinflußten Арт-отель Ирис (Kunsthotel Iris) ...

Frühstück im Kunsthotel Iris

Das rechte nennt sich „Завтрак для мужчин“ – „Frühstück für Männer“

Taxi in Charkov

Taxi in Charkov

Zu den für einen normalen BRD-Insassen höchst ungewöhnlichen Erfahrungen zählt zum Beispiel eine Fahrt mit einem solchen Taxi (das ist ein offizielles und nicht etwa ein Uber- oder Uklon-Gefährt), bei dem der ganze Außenschweller auf beiden Seiten komplett weggerostet war und die Schrottkiste demzufolge ganz kurz vor dem wortwörtlichen Auseinanderfallen stand. Wer sowas nicht lässig nehmen kann, sollte die Ukraine lieber meiden ;) Dies ist allerdings auch ein besonders pittoreskes Beispiel.

Ich schrub früher schon etwas polemisch über das Verhältnis von Treffen mit Damen und Eisenbahnnmuseen. In diesem Fall war es nun aber so, daß ich bereits bei der Planung der Reise nach Charkov auf die Existenz eines Eisenbanhnmuseums dortselbst hingewiesen wurde. Dies Eisenbahnnmuseum befindet sich in unmittelbarer Nähe des Вокзал Харьков-Пассажирский (Charkov Hauptbahnhof).

Вокзал Харьков-Пассажирский (Charkov Hauptbahnhof)

Вокзал Харьков-Пассажирский (Charkov Hauptbahnhof)

So sieht in meiner (ersten) Heimatstadt München die Staatsoper aus, hier der Hauptbahnhof.

Gleichstrom-Güterzuglok ЧС2-357 der Укрзализныця

Gleichstrom-Güterzuglok ЧС2-357 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1968

Diese Lok (das ЧС in der Baureihenbezeichnung steht für Чехословакия == Tschechoslowakei) wurde in Plzeň bei Škoda erbaut. Es handelt sich dabei um denselben Typ wie die 181.001 der ČSD, die im Eisenbahnmuseum Lužná u Rakovníka in der Tschechischen Republik zu sehen ist, nur natürlich hier in 1520mm-Ausführung.

Dieselelektrische Güterzuglok ТЭ10-006 der Укрзализныця

Dieselelektrische Güterzuglok ТЭ10-006 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1960

Die ТЭ10 ist eine echte Charkoverin, sie wurde von 1958 bis 1961 in 26 Exemplaren im traditionsreichen Charkover Malyšev-Werk (Завод имени Малышева), einer der ältesten Lokomotivfabriken der damaligen Sowjetunion, hergestellt und war damals die stärkste einrahmige Diesellokomotive der Welt. Von ihr abgeleitete Baureihen wurden bis in die 1990er Jahre mit fast 10.000 Exemplaren gebaut, womit ihre Lokomotivfamilie zu einer der weitaus größten der Welt gehört.

Dieselelektrische Schnellzuglok ТЭП60-1078 der Укрзализныця

Dieselelektrische Schnellzuglok ТЭП60-1078 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1972, erbaut in der Lokomotivfabrik Kolomna (Коломенский завод)

Dieseltriebwagen ДР1А-129 der Укрзализныця

Dieseltriebwagen ДР1А-129 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1967

Leider eine Gegenlichtaufnahme, das mußte aber trotzdem sein. So ein ДР1 oder ДР1А fuhr mir während meines Aufenthaltes in Киев-Пассажирский unvermittelt direkt an der Nase vorbei, aber da hatte ich leider die Kamera nicht schnell genug heraus. Hoffentlich begegnet mir dieser besonders schöne Triebwagen noch einmal, angeblich sollen ja keine mehr im Einsatz sein, aber vielleicht habe ich das auch falsch verstanden.

Steuerwagen ЭР2-336 eines Gleichstrom-Elektrotriebzuges ЭР2 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1973

Der ЭР2 ist eine ganz typische sogenannte электричка (električka), wie sie in den Nachfolgestaaten der UdSSR nach wie vor sehr weit verbreitet ist. Zu vergleichen sind die электрички am ehesten mit den hiesigen S-Bahnen, wenngleich ihr Aktionsradius weitaus größer ist. Vor allem im riesigen Rußland können das leicht einmal mehrere hundert Kilometer sein.

Gleichstrom-Elektrolokomotive ВЛ22М-572 der Укрзализныця

Gleichstrom-Elektrolokomotive ВЛ22М-572 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1952, erbaut in der Elektrolokomotivenfabrik Novočerkassk (Новочеркасский электровозостроительный завод)

Tenderlok 9П-749 der Укрзализныця

Tenderlok 9П-749 der Укрзализныця, Baujahr ca. 1946

Ein weiteres Erlebnis für den Eisenbahnfreund, wenn auch völlig andersgeartet, ist die Charkover Tram. Ich war zwar vorgewarnt, aber hatte es irgendwie nicht glauben wollen. Niemals habe ich eine derart bemitleidenswerte Bahn gesehen wie diese. Ich lasse anstelle eigener Bilder das Video von Daniel Möschke (Youtube-User „KT4Dani“) für sich sprechen, da dieses die Situation sehr treffend darstellt:

Die Wirklichkeit ist allerdings noch schlimmer als das Video. Die gebraucht in der Tschechischen Republik erworbenen Triebwagen wurden wohl abgesehen von der Umspurung von 1435mm auf 1524mm und von gelegentlich angebrachter Vollwerbung so gut wie nicht verändert; die Trassen sind in einem katastrophalen, nahezu unmöglichen Zustand mit solchen Schienenbrüchen, wie sie im Video zu sehen sind, wortwörtlich alle zwei Meter und mit einer Gleislage, die jeder Beschreibung spottet. Offensichtlich sind keine tauglichen Schweißgeräte vorhanden, um diesem Zustand abzuhelfen. Daher werden die Schienenbrüche mit Verschraubungen und teilweise mit Einsetzen „passender“ Zwischenstückchen „repariert“.

Und da wird mit Karacho drübergebrettert, daß die Funken nur so fliegen. Es ist allerdings in der Tat so, daß im Inneren der alten tschechischen Triebwagen recht wenig vom katastrophalen Zustand der Gleise zu merken ist, und die Tram wird ungeachtet ihres Zustandes täglich von Zigtausenden benutzt. Wäre ich nun sowas wie ein Marketingspezialist bei ČKD oder bei Tatra, dann drehte ich einen Werbefilm gerade hier in Charkov, um zu zeigen, wie die extremst robusten tschechischen Schienenfahrzeuge auch unter den allerwidrigsten Umständen immer noch zuverlässig funktionieren.

Die Charkover U-Bahn ist übrigens ganz im Gegensatz dazu in einwandfreiem Zustand, nicht anders als die in Kiev. Das läßt vermuten, daß sämtliche Mittel, die dem Charkover ÖPNV zur Verfügung stehen, nur gerade für diese ausreichen und der Rest eben weiterhin „auf Verschleiß gefahren“ wird.

Aber zurück zur Ästhetik. Unbedingt sehenswert ist auch das Харьковский художественный музей (Charkover Kunstmuseum). Hier ein kleiner Ausschnitt mit zwei ukrainischen Schönheiten, zu sozialistischen Zeiten im traditionellen gegenständlichen Stil gemalt:

В.В. Сизиков (V. V. Sizikov) – Виконабіця українських народних пісен Олеся Стрельченко (Die Interpretin ukrainischer Volkslieder Olesja Strelčenko), 1989 В.В. Сизиков (V. V. Sizikov) – Портрет доярки Корнієнко (Portrait der Melkerin Kornienko), 1986

Links: В.В. Сизиков (V. V. Sizikov) – Виконабіця українських народних пісен Олеся Стрельченко (Die Interpretin ukrainischer Volkslieder Olesja Strelčenko), 1989; rechts: В.В. Сизиков (V. V. Sizikov) – Портрет доярки Корнієнко (Portrait der Melkerin Kornienko), 1986

Besonders hübsch auch diese Marktszene, auf der ein Bäuerlein sichtlich einen über den Durst getrunken hat und nun von Tochter und keifender Gattin heimgeführt wird:

Marktszene (Künstler, Titel und Jahr leider unbekannt)

Marktszene (Künstler, Titel und Jahr leider unbekannt)

Ein sehr berühmtes Gemälde des großen – in meinen Augen unerreichten – Meisters Илья Ефимович Репин (Ilja Jefimovič Repin) ist „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“, dessen bekannteste Version in der Tretjakov-Galerie in Moskau zu sehen ist. Daher kannte ich dies Gemälde auch bereits. Hier in Charkov ist neben etlichen anderen Werken des Meisters eine weitere (frühere?) Version dieses Gemäldes zu sehen. Man vergleiche mit der laut Wikipedia von 1891 stammenden Version in der Tretjakov-Galerie. Dieser Brief dürfte für den türkischen Sultan nicht gerade ein Anlaß zur Freude gewesen sein :)

Илья Ефимович Репин (Ilja Jefimovič Repin) – Запорожці пишуть листа турецькому султану (Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief), 1889-1896

Илья Ефимович Репин – Запорожці пишуть листа турецькому султану (Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief), 1889-1896

Doch auch der Nachwuchs wird sichtlich gefördert. In einem der Säle, die mehr der „Gegenwartskunst“ gewidmet sind, hatten junge Nachwuchskünstler die Gelegenheit, ihre Werke auszustellen, das heißt, die Werke waren mehr oder weniger auf Tischen und auf dem Fußboden einfach ausgelegt. Da waren sehr hübsche Sachen darunter, von denen ich hier mal eines von einer 15 Jahre jungen Malerin namens Поліна Голуб (Polina Golub) herausgreife:

Вулиця Дарвіна (Vulicja Darvina / Darwin-Straße)

Поліна Голуб – Вулиця Дарвіна (Vulicja Darvina / Darwin-Straße), 2018

Nun ging der schöne Aufenthalt in Charkov schon zuende. Für die Rückfahrt nach Kiev war diesmal einer der typischen Nachtzüge vorgesehen. Der Komfort war bestens, da gibt es wiederum absolut nichts zu meckern.

Typischer (post)sowjetischer Schlafwagenzug in Kiev

Typischer (post)sowjetischer Schlafwagenzug in Kiev

In Kiev morgens um 03:40 Uhr angekommen war es ein leichtes, über Uklon ein Taxi zum Flughafen Жуляни zu bekommen, von wo ich dann um 06:40 wieder gen Wertewesten entschwebte. Der Polemik, die mich dazumal stets befällt, entrate ich hier wiederzugeben.

Vielleicht noch folgendes: Wenn irgendwer Bedenken betreffs der Sicherheit im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Verkehrsmitteln in der Ukraine haben sollte, so sind diese definitiv unbegründet. Ganz im Gegenteil empfinde ich Kiev oder Charkov oder Zaporožě als hundertmal sicherer als Berlin oder Frankfurt am Main oder mittlerweile auch München.

Gleichwohl gibt mir zu denken, daß gerade in Charkov eine nicht allzu kleine Zahl an Personen arabischer Herkunft anwesend ist, von denen man nicht weiß, ob sie brave Studenten sind oder Touristen auf Brautschau oder was sonst. Jedenfalls geben sich leider etliche junge ukraininsche Damen mit diesem Klientel ab. Daß die Araber sich hier ein wenig zivilisierter benehmen als im Wertewesten mag daran liegen, daß das für sie typische Fehlverhalten in der Ukraine wohl mit bedeutend härterem Durchgreifen der Exekutive geahndet würde.

Dies ist aber nur ein geringer Minuspunkt. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Reisen in dieses fremde, vertraute, seltsame und doch so naheliegende Land. Eines der nächsten Ziele wird sicherlich Odessa sein. Ich freue mich schon sehr auf ein Wiedersehen mit der Ukraine!

  • Teilen

Kommentare

Derzeit gibt es keine neuen Kommentare.

Neuer Kommentar

* Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus. Vielen Dank!